Bettnässen ist kein Erziehungsfehler

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Viele Eltern befürchten, das Bettnässen ihres Kindes durch einen Fehler in der Erziehung verursacht zu haben. Wir haben bei der Kinder-Neuropsychologin Mag. Karoline Proksch nachgefragt, was Eltern richtig oder falsch machen können:

Trifft es zu, dass Fehler in der Sauberkeitserziehung Bettnässen auslösen können?
Proksch: Das muss man klar verneinen. Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass Enuresis – wie Bettnässen in der medizinischen Fachsprache genannt wird – in sehr vielen Fällen genetisch bedingt ist. Das heißt, die Kinder haben es von ihren Eltern oder Großeltern „geerbt“. Am häufigsten liegt dem Problem eine verzögerte Reifung der Blasenkontrolle zugrunde – also eine rein körperliche Ursache. Es ist daher wichtig, das Kind von einem spezialisierten Kinderarzt oder Urologen untersuchen zu lassen. Zu wissen, was der tatsächliche Grund für das Einnässen ist, entlastet die Kinder enorm.

Mit welchen Problemen kommen Eltern in diesem Zusammenhang am häufigsten zu Ihnen?

Proksch: Viele Eltern glauben, zu früh mit der Sauberkeitserziehung begonnen zu haben und dabei zu streng gewesen zu sein. Auch hier kann ich die Eltern beruhigen. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo und jedes Kind wird sauber. Manche Eltern denken, dass es den Kindern egal ist, ob oder wann sie trocken werden, da sie nicht darüber sprechen. Hier kann ich aus meiner Erfahrung sagen: Jedem Kind ist es zwar unterschiedlich wichtig, doch alle Kinder wollen trocken werden. Sie sagen es nur häufig nicht, da ihnen das Bettnässen unangenehm ist. Vor allem dann, wenn die Geschwisterkinder – die möglicherweise sogar jünger sind – bereits sauber sind.

Kann auch ein psychisches Problem Bettnässen auslösen?

Proksch: Ja, das kommt auch vor. Unerwartete Veränderungen wie Scheidung, Umzug, Geburt eines Geschwisterkindes, Probleme in der Schule oder im Kindergarten können für Kinder so belastend sein, dass sie erneut beginnen einzunässen. In diesen Fällen waren die Kinder bereits über einen längeren Zeitraum von zumindest sechs Monaten trocken. Man spricht hier von sogenannter sekundärer Enuresis, bei der ein spezialisierter Psychologe helfen kann. Generell stehen Kinder mit einer Einnässproblematik unter einem sehr hohen Leidensdruck. Einbußen im Selbstwert, Trauer, Ärger und Enttäuschung gehen damit einher. Psychische Probleme sind daher auch eine mögliche Folge, wenn das Einnässen unbehandelt bleibt.

Was raten Sie Eltern, die mit Schuldzuweisungen oder Vorwürfen innerhalb der Familie, der Verwandtschaft konfrontiert sind?

Proksch: Ich rate den Eltern zu sagen „Wir haben das Einnässen abklären lassen“ und über die Ursache aufzuklären, wie zum Beispiel „Das Einnässen ist organisch bedingt“. Weiters kann man Unterstützung einfordern, wie etwa die Großeltern um einen verständnisvollen Umgang mit dem Kind bitten.

Wann ist der richtige Zeitpunkt aktiv zu werden und was sollte man dann tun?

Ab dem vollendeten 5. Lebensjahr sollten Eltern etwas gegen das Einnässen unternehmen und bis zum Eintritt in die Volksschule sollte das Kind dann trocken sein. Denn je näher die Schule rückt, desto belastender wird die Situation für das Kind. Vor allem, wenn es auch tagsüber einnässt und damit das Problem für andere sichtbar ist. Die Eltern sollten sich im ersten Schritt an den Kinderarzt oder Kinderurologen wenden und die Ursache abklären lassen.

Wie können Eltern ihre Kinder am besten unterstützen?

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